Alfred A. Tomatis

Dr. Alfred A. Tomatis(1920-2001)

Der französische HNO-Arzt und Chirurg Dr. Alfred A. Tomatis (1920-2001), der viele Jahre in Paris praktizierte, bekam als junger Arzt nach dem 2. Weltkrieg den Auftrag, Piloten der Luftwaffe nach dem Krieg auf ihre Hörtauglichkeit zu testen. Dabei fiel ihm auf, dass diejenigen, die mit Freude beim Fliegen waren, bessere Hör-Ergebnisse hatten als diejenigen, die das Fliegen lediglich als "Job" benötigten, der aus materiellen Gründen notwendig war. Die Ohren der einen wie auch der anderen waren gleichermaßen durch Lärm geschädigt.

Andere Arbeiter mit Hörschäden wiesen depressive Erscheinungen auf, darüber hinaus fehlten ihnen bestimmte Frequenzen im Hörspektrum. Tomatis, Sohn eines bekannten Pariser Opernsängers, wurde auch oft mit den Stimmproblemen von Sängerinnen und Sängern konfrontiert. Er stellte dabei fest, dass nur die Harmonien und Frequenzen in der Stimme zum Einsatz kommen können, die das Ohr hören und analysieren kann.
So formulierte er im Jahre 1957 die nach ihm benannten Tomatis-Gesetze, die als Lehrsätze in der Medizin Gültigkeit haben:
  • Alle Frequenzen, die ein Mensch hören kann, sind auch in seiner Stimme: Man spricht, wie man horcht.
  • Gibt man einem Menschen die Möglichkeit, fehlende Frequenzen korrekt zu hören, so erscheinen sie sofort in seiner Stimme.
  • Werden durch Trainieren wieder vorher nicht gehörte Frequenzen hörbar, bleiben sie auch dauerhaft in der Stimme.

In diesen drei Gesetzen sind die Wechselwirkung zwischen Gehör und Stimme und der Einfluss des Hörens auf psychische und physische Befindlichkeiten des Menschen zusammengefasst. Dabei muss eines beachtet werden, was jedem Menschen bekannt ist:
Hören und Horchen sind nicht identisch!
Hören ist passives Aufnehmen von Klängen. Horchen dagegen ist die aktive, bewusste Wahrnehmung und Verarbeitung des Gehörten mit allen geistigen, psychischen, körperlichen und emotionalen Wechselwirkungen. Schon das ungeborene Kind kann etwa ab dem 5. Monat hören. Die Mutterstimme wird vom Fetus über die Knochenleitung der Mutter am besten wahrgenommen, die mütterliche Bewegung regt das vestibuläre System (Gleichgewichtssinn, Rhythmus-, Strukturempfinden) des Kindes an.
So bekommt das Gehirn die allerersten Sinneseindrücke über das Gehör. Akustischer und vestibulärer "Input" steuern den Aufbau der Infrastruktur unseres Gehirns.
Das Kind lernt Neugierde auf das Leben und auf Kommunikation. Es lernt schon sehr früh Grundstrukturen, die seine Kreativität und Phantasie, seine körperlichen und sozialen Fähigkeiten und das Lernen generell prägen. Darüber hinaus werden sein Selbstbewusstsein und seine Intelligenz grundgelegt.

Der Aufbau des Ohres

Aufbau eines Ohres

Wie kann das Wissen um diese Dinge in Therapie umgesetzt werden? Dazu muss noch etwas über den Aufbau des Ohres und den Weg akustischer Information gesagt werden. Unser Ohr besteht aus dem äußeren Ohr mit Ohrmuschel und Gehörgang, dann folgt auf dem Weg nach innen das Trommelfell. Dieses schließt den Gehörgang komplett ab. Daran schließt sich nach innen das Mittelohr an, in welchem normalerweise Luft ist mit dem gleichen Luftdruck wie außen. Die drei Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel verbinden das Trommelfell mit dem sog. Ovalen Fenster, ebenfalls einer Membran, die die Öffnung zum Innenohr hin verschließt. Die Gehörknöchelchen bilden dabei eine Verbindung, die mechanisch ähnlich einem mehrgelenkigen Hebelarm die Schwingungen des Trommelfells (Schalldruck) auf das Ovale Fenster übertragen. Im Innenohr befindet sich keine Luft, sondern Endolymphe. Diese füllt die Hohlräume des Innenohres komplett aus, so den Sacculus, den Utriculus, die Bogengänge und die Schnecke. Diese Strukturen stehen untereinander in offener Verbindung. Aus der Wand von Sacculus, Utriculus und den drei in alle Richtungen des Raumes gelegenen Bogengängen ragen Endolithen in die Endolymphe hinein, die mit Nervenenden verbunden sind.

Bei Bewegung des Körpers kommt es zur Auslenkung der Endolithen, was dann eine chemische Reaktion im Nerven auslöst. Über chemo-elektrische Koppelung wird ein Nervenimpuls generiert, der über den Hirnnerven N.statoacusticus zum Gehirn weitergeleitet wird. Akustische und rhythmische Reize kommen auf diesem Weg ins Gehirn.

Der Weg akustischer Information

Querschnitt der Ohrschnecke

Akustische und rhythmische Reize kommen auf diesem Weg ins Gehirn. Akustische Reize werden aber insbesondere über die Schnecke verarbeitet, unser eigentliches Hörorgan. In den ca. 2,5 Wendeln dieses komplizierten Gebildes befindet sich das Cortische Organ. Dieses arbeitet ebenfalls mit Nervenendigungen, die in die Endolymphe hineinragen und auf mechanische Erregung hin einen Nervenimpuls generieren, der über den N.statoacusticus an das Gehirn weitergeleitet wird. Allerdings kommt diese Bewegung durch akustische Schwingungen zustande. An der Basis der Schnecke wirken die hohen (kurzwelligen) Frequenzen besonders stark und erregen dort die Nervenenden, in der Spitze sind es die tiefen (langwelligen) Frequenzen.
In der Schwangerschaft spielen tiefe Frequenzen keine große Rolle; auch hohe Frequenzen werden wegen der Impedanz der Flüssigkeit in der Fruchthöhle und der Schnecke eher abgeschwächt. Der Fetus hört in erster Linie über die Knochenleitung. Unter anderem dies führt dazu, dass der Fetus in der Schwangerschaft zunächst fast nur hohe Frequenzen wahrnimmt. (Vgl. hierzu: Dissertation von Frau Dr. E. Fucik vom Mai 2005 [Quelle] sowie: Gerhardt KJ, Ahrams RM, fetal exposure to sound and vibroacustic stimulation(J.Perinatol.2000, 20:21-30)


Wie kommen die gehörten Frequenzen nun in das Gehirn? Der Schall trifft von außen über die Ohrmuschel und den Gehörgang auf das Trommelfell. Auf diesem Weg wird der Schall bereits optimiert und konzentriert. Auch werden bestimmte Schallereignisse besser bzw. stärker als andere bzw. zeitversetzt weitergegeben, bedingt durch die Anordnung und Form unserer Ohren. Nur so ist Richtungshören möglich. Die Schwingung des Trommelfells überträgt sich über die Hörknöchelchen auf das deutlich kleinere Ovale Fenster und verstärkt den Schalldruck um ca. den Faktor siebzehn. Diesen Weg des Schalls nennen wir die Luftleitung. Die Knochenleitung bringt Schallwellen über die Knochen - insbesondere des Kopfes - an das Innenohr. Dieser Weg wird besonders von der eigenen Stimme benutzt. Dadurch kommt es, dass wir unsere Stimme selbst völlig anders wahrnehmen als andere. Man merkt es daran, dass man seine eigene Stimme nicht auf Tonaufnahmen wiedererkennt oder für unschön hält (ca. 80% Knochenleitung, 20% Luftleitung).
Das Mittelohr hat eine offene Verbindung zum Nasenrachenraum, die Eustachische Röhre. Über diese Verbindung wird gewährleistet, dass der Luftdruck im Mittelohr gleich dem äußeren Luftdruck ist. So kann das Trommelfell gut und leicht schwingen. Ist diese mit Schleimhaut ausgekleidete sehr schlanke Röhre verstopft, z. B. durch Anschwellen der Schleimhaut, so herrscht im Inneren schnell ein anderer Druck als außen und das Trommelfell wölbt sich, kann nicht mehr schwingen. Wir kennen dieses Phänomen beim Start im Flugzeug oder bei einer Fahrt in die Berge oder bei einer Mittelohrentzündung. Bei der Entzündung befindet sich oft auch noch Flüssigkeit im Mittelohr, was ebenfalls die Schallübertragung hemmt.
Die drei Gehörknöchelchen werden von kleinen Muskeln bewegt, die auf diese Weise das Trommelfell an- oder entspannen können. Treffen sehr laute Schallereignisse auf unser Ohr, so werden, bevor der sehr starke Reiz uns bewusst wird, diese Muskeln reflektorisch angespannt und dadurch eine Dämpfung der Schallweiterleitung erreicht, also ein natürlicher Schutz vor zu lautem Schall.
Der Weg des Schalls geht vom Innenohr/Schnecke/N.statoacusticus über die Hirnnervenkerngebiete, den Thalamus, das Limbische System, die Zone für Sprachmotorik und Sprachverständnis u.v.a., jeweils auch in beide Hirnhälften, bis zur Hirnrinde rechts und links mit ihren motorischen und sensorischen Zentren. Unterwegs und auch noch in der Hirnrinde erfährt der Nervenimpuls noch mannigfaltige Verknüpfungen.

Was war die Bahn brechende Entdeckung von Prof. A. Tomatis?

Er schloss auf Grund seiner Untersuchungen, dass Störungen der geistigen Funktionen von Kindern und Erwachsenen mit der Entwicklung des Ohres im Mutterleib zusammenhängen müssten. Tomatis postulierte, dass das Kind im Mutterleib hohe Frequenzen hört (Mutterstimme) und diese auch behält und wiedererkennt, wie dies bei Tieren längst bekannt ist (vgl. K. Lorenz u.a.). Sollte also die Bahnung des Gehirns durch die Mutterstimme in der Schwangerschaft nicht optimal verlaufen sein, so müsste dies mit geeigneten Methoden nachgeburtlich wieder hergestellt oder verbessert werden können. Dazu konstruierte Tomatis das sog. Elektronische Ohr. Die aufgenommene Mutterstimme wurde mit dem Elektronischen Ohr über zwei Kanäle abgespielt. Im ersten Kanal wurden unterhalb einer Lautstärke von ca. 40dB die tiefen Frequenzen verstärkt, die hohen abgeschwächt. Im zweiten Kanal wurden im Lautstärkebereich über 40dB die hohen Frequenzen verstärkt, die tiefen abgeschwächt. Durch den Wechsel zwischen: Höhen verstärken, Tiefen abschwächen und umgekehrt (der Tomatis-Effekt) werden die Muskeln an den Gehörknöchelchen stimuliert und trainiert, damit das Ohr spontan und automatisch auf die Klangquellen zu hören lernt. Rechte und linke Hirnhälfte werden einzeln angesprochen, gleichzeitig wird das rechte Ohr zum Kontrollohr erzogen (vgl. Lateralitätsstörungen). Das Ohr wird in die Lage versetzt, falsche Hörgewohnheiten abzulegen und neue zu erlernen.
Neben der Mutterstimme verwendete Prof. Tomatis Musik von Mozart (daher auch der Begriff „Mozarttherapie“) und Gregorianische Gesänge.
Das erste Elektronische Ohr wurde von Professor Tomatis und seinem Team in Paris entwickelt. Mozart-Brain-Lab in Sint-Truiden/Belgien setzt diese Entwicklung fort. Seit dem Spätsommer 2002 wird dort in der Therapie der neu entwickelte Brain-Activator eingesetzt. Als Klangquelle dienen heute elektronische Abspielgeräte, die hochauflösende Medien mit 48kHz und 24Bit abspielen können.
Mit Hilfe des Brain-Activators können u.a. akustische Skotome (fehlende Frequenzwahrnehmung) behandelt und viele weitere Störungen (s. unten) therapiert werden. Hierbei wird i.d.R. hochgefilterte Mozartmusik und falls möglich die ebenfalls hochgefilterte Mutterstimme verwendet.
Während der Therapie kann man spielen, basteln oder schlafen. Schreiben und lesen können den Therapieerfolg beeinträchtigen und sollten vermieden werden.



© 2007-2009 Bernhard Borsch